Balkan und Anatolien

Abluka (2015)
Emin Alper
Türkei
119′
Wenn man niemandem mehr trauen kann. Istanbul versinkt im Chaos. Bewaffnete Gruppen haben die Kontrolle über die ärmeren Stadtteile gewonnen. Die Polizei ist machtlos. Kadir wird vorzeitig aus der Haft entlassen und soll als Informant arbeiten. Er überprüft den Müll auf Sprengsätze und die Strassen auf verdächtige Subjekte hin. Doch als Erstes sucht er seinen jüngeren Bruder Ahmet auf. Wer kann wem noch trauen? Eine Momentaufnahme aus der nahenden Endzeit - von höchster Intensität. Das türkische Kino ist in den vergangenen Jahren aufgefallen mit Filmen, die in den Kern existenzieller und politischer Fragen vorgedrungen sind. Sei das die Yusuf-Trilogie von Semih Kaplanoğlu, deren dritter Teil Bal in Berlin den Goldenen Bären gewann, sei es die monumentale Innenansicht Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan, in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. Emin Alpers jüngster Film Abluka ergänzt diese Werke mit einer atemberaubend konsequent gestalteten und Gänsehaut erzeugenden Betrachtung einer Gesellschaft, in der die Angst regiert und keiner mehr dem anderen trauen kann. Während zum Einstieg ein Mann aus dem Gefängnis entlassen wird mit dem Auftrag, draussen unauffällig für den Staat zu schnüffeln und dies nicht einmal dem eigenen Bruder zu sagen, fragt man sich am Ende des Filmes, ob seine Freiheit im Gefängnis nicht grösser gewesen sei. Emin Alper hat einen Film gestaltet, der unter die Haut geht, weil er in einer wagen Zukunft spielt in einem Land, in dem diese verdammt nahe ist. Die Türkei steht mit einer Regierung, für die Waffen und Gefängnis alltägliche Instrumente der Disziplinierung geworden sind, für eine beängstigende Tendenz. Die Stadt im Film zuckt im Chaos von Gewalt und Gegengewalt. Paranoia dominiert alles. Der jüngere Bruder des Entlassenen mauert sich ein, weil er den Leuten nicht mehr traut. Wenn es einen Film gibt, der uns vor Augen führt, wohin ein Land und seine Gesellschaft driften, wenn Ausgrenzung und Verdacht bestimmend werden, dann dieser. Die Beklemmung vermittelt sich ganz direkt, eine ausgeklügelte Tonspur verleiht den düsteren Bildern den Abgrund, in den wir fallen, wenn nur noch das Dunkel regiert. Staatliche Gewalt und jene des Terrors sind nicht mehr zu unterscheiden. Kein gemütliches, aber ein ungemein starkes und beängstigend aktuelles Kinostück.
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Bal - Honig (2010)
Semih Kaplanoglu
Türkei
100′
Der Spielfilm BAL - HONIG hat in Berlin den Goldenen Bären gewonnen und das Publikum mit seiner Kindheitsgeschichte verzückt. Semih Kaplanoglu lässt uns eintauchen in eine Natur, die im Schwinden begriffen ist. Seit kurzem besucht der sechsjährige Yusuf die Grundschule, wo er Lesen und Schreiben lernt. Sein Vater Yakup ist Bienenzüchter und hängt die Bienenkörbe in den unermesslich weiten Wäldern der Berge an der Schwarzmeerküste in die obersten Wipfel der höchsten Bäume. Für den Knaben Yusuf ist der Wald ein Ort grosser Geheimnisse, und er liebt es, mit seinem kindlichen Staunen den Vater dahin zu begleiten. Als die Bienen überraschend aus der Gegend verschwinden, ist die Lebensgrundlage der Familie in Frage gestellt. Yakup bricht ins entfernte Gebirge auf. Semih Kaplanoğlu führt uns im allerersten Sinn des Wortes vor Augen und vor Ohren, was mit der Natur schwindet, wenn wir ihr nicht Sorge tragen. Und er öffnet uns den Raum in die Kindheit, die auch unsere eigene ist. BAL ist wie ein Gedicht, in das man eintauchen kann und das einen verzückt. Dreifach nominiert für die Europäischen Filmpreise und für die Oscars 2010. * * * * * * Semih Kaplanoglu hat am Filmfestival von Berlin den begehrten Goldenen Bären abgeholt. «Bär liebt Honig», hat die FAZ frohlockt, und man war sich in den Medien einig: Eine verdiente Auszeichnung, ein würdiger Preisträger. Der Filmemacher, der mit seiner unaufgeregten Art Filme zu gestalten schon mit früheren Werken aufgefallen war, hat hier eine nicht nur in sich stimmende, er hat eine in sich ruhende Arbeit geschaffen. In Bal lässt er uns eintauchen in eine Natur, die im Schwinden begriffen ist, eröffnet er uns einen Schau-, Lausch- und Fühlraum, in dem das meiste, was passiert, im Zuschauenden vor sich geht: Schauen und Staunen. Natürlich ist die Natur ein dankbares Sujet fürs grosse Kino, für die ausladende Leinwand. Natürlich gibt es eine grosse Zahl von Filmen, die die Schönheiten der Natur besingen und ihre Handlungen inmitten von zauberhaften Landschaften sich entfalten lassen. Hier nutzt einer aber die Natur nicht nur als atemberaubendes Dekor, hier macht einer die Natur selber zum Thema, und zwar die uns umgebende, die uns verzaubernde, die uns beängstigende und die uns beglückende Natur der Berge und der Wälder. Semih Kaplanoğlu betrachtet sie und lässt sie in sich ruhen, lässt sie atmen, so dass wir ihren Hauch von der Leinwand herunterströmend auf dem Kinosessel zu spüren glauben. Der Filmemacher ist einer, der äusserst sensibel wahrnimmt, das hat er bereits in seinen früheren Filmen bewiesen, und er ist einer, der an die Wahrnehmung der Zuschauenden im Kino glaubt und auf sie setzt. Da ist es dann ganz wie draussen in der Natur: Es braucht keine Action, da ist so viel los. Wenn man sich nur auf sie einlässt, sich Zeit schenkt und wahrnimmt. Die Handlung in Bal ist in drei Sätzen erzählt, aber das, was geschieht, würde Bände füllen. Kaplanoğlu führt uns im allerersten Sinn des Wortes vor Augen und vor Ohren, was mit der Natur schwindet, wenn wir ihr nicht Sorge tragen. Das sind nicht nur die Bienen, die sich zurückziehen und damit die Fortpflanzung der Pflanzen in Frage stellen, das ist auch der Mensch, der die Ruhe verliert und die Musse des besinnlichen Zusammenseins. Bal ist wie ein Gedicht, in das man eintauchen kann und das einen verzückt. Walter Ruggle
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Ein Lied für Argyris (2005)
Stefan Haupt
Schweiz
105′
Argyris Sfountouris überlebte 1944 vierjährig ein brutales Massaker der deutschen Besatzungsmacht, verlor seine Eltern und 30 Verwandte, kam als griechisches Waisenkind ins Kinderdorf Pestalozzi in die Schweiz und doktorierte an der ETH Zürich. Ein Leben lang, charmant und von melancholischer Heiterkeit, hat er sich mit diesem Wahnsinn auseinandergesetzt, der ihm als Kind widerfahren ist. Hat versucht, damit zu leben – und auch nach aussen etwas zu bewirken. Ein Film über die schier unlösbaren Schwierigkeiten einer echten Aussöhnung, die Suche nach Frieden – eine Reise mit offenem Ausgang. Stefan Haupt hat einen zutiefst bewegenden Film gestaltet, nicht nur für jene, die zu Griechenland eine Beziehung haben und dieses faszinierende Land lieben: Die eine Lebensgeschichte des Argyris steht für viele andere, und sie steht für Geschichten, die sich heute ereignen an den verschiedensten Orten dieses Planeten. Das grosse Verdienst von Haupt ist es, dass er es wagt und schafft, von einem einzelnen “Opfer der Geschichte” zu sprechen und über dieses Sprechen von den anderen Opfern mit erzählt. Normalerweise haben in der Geschichtsschreibung ja nur die Täter Namen und vielleicht noch besonders heldenhafte Opfer.
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Eine Geschichte von drei Schwestern (2019)
Emin Alper
Türkei
107′
Drei Schwestern haben nur einen Wunsch: ihr Dorf zu verlassen und in der Stadt zu leben. Emin Alpers Geschichte von Liebe und Familienrivalitäten ist in den Bergen von Zentral-Anatolien angesiedelt. Im Lauf der Jahreszeiten inszeniert er da sein fast schon klassisches Drama, in dem die fantastische Geschichte sich auf ganz natürliche Art mit einer realistischen Chronik verbindet. Das Ganze ist atemberaubend fotografiert und gespielt.
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Es war einmal in Anatolien (2011)
Nuri Bilge Ceylan
Türkei
151′
Irgendwo in Anatolien. Es ist Nacht, und eine Gruppe von Leuten ist im Dunkel auf der Suche nach einem Tatort. Ein Mann soll umgebracht worden sein. Der Untersuchungsrichter will Fakten und Klarheiten, die Polizei betreut die Verdächtigten, ein Arzt soll die Obduktion vornehmen. Wo nur ist der Körper begraben? Vor uns enfaltet sich ein Krimi in Zeitlupe, hinein choreografiert in die Landschaft und in die Nacht. Über die Figuren erzählt sich das Leben hier, weit weg von allem und mittendrin. Aus dem Dunkel der Nacht tauchen ihre Geschichten an den Tag, ihre kleinen Dramen und das, was die Region prägt und andere abgeschiedene Flecken auf diesem Planeten. Nuri Bilge Ceylan zeigt uns, was in seiner Heimat im Verborgenen schlummert und wie wenige Sätze unter Umständen erhellend sein können. Die «Comédie humaine» hat er in halluzinierenden Nachtaufnahmen festgehalten. * * * * Aus dem Dunkel ans Licht Was ist ein Krimi? Das Onlinelexikon sagt: «Bei einem Krimi geht es in der Regel um ein Verbrechen, meist einen Mord oder ein sonstiges rechtlich schweres Vergehen, das den Leser, Hörer oder Zuschauer in Spannung versetzen soll. Mehrheitlich spielt ein Kommissar, ein Detektiv oder eine andere Hauptperson die Rolle des Ermittlers. In dieser Rolle findet er den eigentlichen Grund des Geschehens - häufig mit Zwischenfällen - heraus und entdeckt den Täter. Realistische Handlungsorte und gesellschaftliche Situationen, das heisst, die Anpassung an die jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen seiner Entstehungszeit, sind weitere Punkte, die Krimis gemeinsam haben.» Once Upon A Time in Anatolia vom türkischen Fotografen und Filmemacher Nuri Bilge Ceylan (Uzak) erfüllt alle diese Grundanforderungen eines Krimis, und dennoch überrascht uns der Film, weil er sich gegen alle gängigen Muster sträubt. Da war eine Tat, da sind die Täter und da läuft die Suche nach dem Opfer. Wir sehen, oder besser: Wir erfahren die Suche im Dunkeln. Aber die Spannung, das, was uns in diesem Krimi in Zeitlupe in Bann halten kann, sind nicht irgendwelche hektischen äusseren Ereignisse oder das schlaue Gebahren eines Kommissars, der den Überblick hat. Bei diesem Krimi sind die Zwischenräume und die Zwischenzeiten nicht ausgespart, wir sind mitten drin in der Suche nach der Wahrheit. Und wir merken bald einmal, dass die Suche nach dem Opfer viel stärker als gewohnt eine Betrachtung der Situation ist, in der die Tat geschehen konnte, der Umstände, die sie möglich machten und der menschlichen Rätsel, die sie und das Ganze in sich birgt. Der Kommissar hat ein krankes Kind zuhause, der Arzt ist geschieden, der Polizist kämpft mit der Ungeduld, der Staatsanwalt versteckt sich vor Fakten. Die Magie dieses Filmes und die Erzählkunst von Nuri Bilge Ceylan entfalten sich von innen heraus in einer Art bewegter Beschaulichkeit. Wenig geschieht im Sinne von äusserlicher Aktion, viel erhellt sich aufgrund des Geschehens und über die Äusserungen der einzelnen Figuren. Am Ende ist viel weniger wichtig, wer genau hinter der Tat steckt als warum sie möglich wurde und wer alles was zu verbergen hat. Ceylan will von der Rätselhaftigkeit seiner eigenen Heimat erzählen, ohne dass er die Rätsel alle lüften könnte und möchte. Im Gegenteil: Er bewahrt einige bravourös. Von ungemeiner Schönheit und Dichte sind die Nachtaufnahmen von Kameramann Gökhan Tiryaki, in denen auch der Wind zu uns sprechen kann. Diese feinen Abstufungen in den Tönen und Lichtspielen bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Eine Sinnesreise also auch. Walter Ruggle
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Grain (2017)
Semih Kaplanoglu
Türkei
128′
Mit überwältigenden Bildern und einer mythisch-philosophisch anmutenden Geschichte entführt uns Semih Kaplanoğlu in Grain - Das Korn des Lebens in eine Zukunft, die so fern nicht mehr scheint. Ein abrupter Klimawandel hat das Leben auf der Erde nahezu unmöglich gemacht. Die Ernährungshoheit liegt in den Händen eines mächtigen Konzerns, doch die wiederholten Missernten bringen den Glauben an das genmanipulierte Getreide ins Wanken, zumindest jenen von Wissenschaftler Erol Erin. Er beschliesst, in die gefährliche tote Zone zu reisen, wo der unlängst entlassene Angestellte Cemil Akman nach dem Kern des Lebens forscht. Ein Trip in selten mehr gesehenem Schwarzweiss auf Breitleinwand. Nachdem er mit seiner Yusuf-Trilogie in meisterlicher Art und Weise die Zeit vom Erwachsensein in die Kindheit zurückging und sie 2010 mit Bal (Honig) und dem Goldenen Bären zum krönenden Abschluss brachte, wagt der türkische Filmemacher diesmal einen Abstecher in die nahe Zukunft. Weit entfernt von den Katastrophenfilmen à la Hollywood, gestaltet Semih Kaplanoğlu hier sorgfältig und eigenwillig eine Science- Fiction, die so nah am Heute ist, dass sie sich nur wenig von der Realität entfernt, in der gewisse Regionen auf unserem Planeten bereits leben. Die Geschichte ist im Übrigen so «wahr», dass die Dekors, die der Filmemacher für sie ausgewählt hat, real existierende sind: Die Ruinenstadt ist nichts anderes als Detroit. Und die elektronische Barriere zur verbotenen Zone entspricht einem Bauwerk, von dem gewisse Politiker träumen. Im Unterschied zum Materialismus des Nordwestens, der dauernd technische Lösungen sucht gegen die gleichzeitig unaufhaltsam laufende Zerstörung des Planeten, zieht Kaplanoğlu es vor, philosophische Fragen zu stellen und einen Weg des Nachdenkens zu beschreiten, wie es schon Andrei Tarkowski mit Stalker getan hat. In diesem Film waren auch zwei Männer unterwegs in einem No Man’s Land, das total verseucht wirkte und für den Zugang durch Menschen eigentlich versperrt war. Es ist diese philosophische Suche - einige würden sie wahrscheinlich sogar als mystisch bezeichnen, wenn sie an den russischen Filmemacher denken -, die Semih Kaplanoğlu immer interessiert hat und auch hier fasziniert. Sie ist es, die auch die ästhetischen Entscheidungen geprägt hat, denn das Schwarzweiss verleiht den Bildern eine strenge Schönheit, welche die Leere in den Landschaften der ausholenden Einstellungen betont, die Wüsten und die Dünen hervorhebt oder auch den Beton. Grain - Das Korn des Lebens ist denn auch ein Abenteuerfilm, in dem der wissenschaftliche Fortschritt konfrontiert ist mit technisch nicht überwindbaren Barrieren. Semih Kaplanoğlu selber scheint einen Schlüssel im Sufismus zu finden. Das ist eine Gedankenwelt, die wir aus Nacer Khemirs Les baliseurs du désert kennen, wo ein Lehrer Antworten inmitten von menschenfeindlichen Wüsten und Dünen suchte. Martial Knaebel
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Kasaba - The Small Town (1997)
Nuri Bilge Ceylan
Türkei
84′
In vier Kapiteln und aus der Perspektive der Kinder erzählt Nuri Bilge Ceylans Kasaba von einer Grossfamilie in einer kleinen, gottverlassenen Stadt in der Türkei. Mit dem Caligari-Filmpreis an der Berlinale 1998 ausgezeichnet, zeigt Ceylans Debütfilm in prägnanten Schwarzweiss-Bildern bereits die Stilistik und Subtilität, welche seine späteren Werke wie Once Upon a Time in Anatolia auszeichnet.
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Nanouk (2018)
Milko Lazarov
Bulgarien
96′
Nanook und Sedna sind das letzte Paar ihres Volkes. Sie leben in einer Jurte in den schneebedeckten Weiten der sibirischen Taiga. Der Frühling zieht früher als gewohnt ein, das Eisangeln ist weniger ergiebig als üblich und Sedna bemerkt, dass Nanook beginnt, Dinge zu vergessen. In wunderschönen Bildern erzählt Milko Lazarov seine Geschichte von einer Familie, deren Spuren sich in der Zeit der Moderne verlieren. Zum Einstieg in Ága zupft Feodosia Ivanova, die in der Filmhandlung danach die Rolle der Sedna übernimmt, in ihrer Tracht ein Lied auf der Maultrommel. Sie bringt uns damit in die ruhige Schwingung, die das Leben im ewigen Eis prägt und den Film des Bulgaren Milko Lazarov auszeichnet. Hektik bringt hier nichts, Mensch wie Tier sind verschwindend klein in den unglaublichen Weiten der weissen Landschaft. Ága ist ein Film der Unaufgeregtheit im besten Sinn, obwohl er ein Leben festhält, das im Verschwinden begriffen ist. Sednas Mann heisst Nanook, und der Name ist nicht die einzige Referenz an einen grossartigen Dokumentarfilm der Frühzeit des Kinos: Robert J. Flahertys Nanook of the North, Jahrgang 1922. Die Filmgeschichte hatte mit Dokumentarfilmen begonnen, aber hier glaubte einer an die Fiktion im Dokument und an die Poesie des Wirklichen. Lazarovs Nanook ist so etwas wie einer der letzten Nachfahren von Flahertys Inuit. Tochter Ága und ihr Bruder haben die Eltern allein im Eis zurückgelassen, sind losgezogen, um in einem vermeintlich menschenfreundlicheren Kontext ihr Glück zu suchen. Mit eindrücklichen Bildern und einem beschaulichen Rhythmus lädt uns der Film ein an einen äussersten Punkt der Welt. Walter Ruggle
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Reise zur Sonne (1999)
Yesim Ustaoglu
Türkei
109′
In «Günese Yolculuk» (Reise zur Sonne) hat die türkische Regisseurin Yeșim Ustaoğlu in langwierigen Dreharbeiten mit militärischen Interventionen gleich mehrere Themen aufgegriffen, die in ihrer Heimat eigentlich tabu sind. Sie redet von Kurdistan, sie zeigt Aufnahmen von staatlicher Gewalt, und sie macht auf bewegende Art vor allem eines deutlich: Frieden ist dann möglich, wenn man sich wechselseitig ernst nimmt und akzeptiert. Um den anderen zu respektieren, müsste man sich bewusst werden, dass man an den meisten Orten dieser Welt ein Fremder, eine Fremde ist und man genauso gut in der Haut des anderen stecken könnte. Zwei junge Männer aus entgegengesetzten Regionen der Türkei begegnen sich in diesem wunderbaren Film zufällig in Istanbul und werden Freunde. Beide hoffen auf eine bessere Zukunft und versuchen, in der Grossstadt ein Auskommen zu finden. Berzan stammt aus einem kurdischen Dorf im äussersten Osten und schiebt als fliegender Händler jeden Morgen seinen Karren mit Musikkassetten in die Stadt. Mehmet ist erst kürzlich aus der Westtürkei hier angekommen und findet einen Job bei den Wasserwerken, wo er mit einem archaisch anmutenden Hörrohr die Strassen nach geborstenen Leitungen abhorcht. Es ist, als würde er nach Strömungen suchen, die an der Oberfläche nicht wahrnehmbar sind, aber sehr wohl vorhanden und lebensspendend. Mehmet hat es nie interessiert, dass Berzan Kurde ist. Was für ihn zählt, sind die Träume der beiden, die Freude am Zusammensein, die Nähe, die wohl tut. Wichtig ist ihm ihre Freundschaft, in der es kein Wenn und Aber gibt, in der das Zwischenmenschliche entscheidend ist und die Sehnsucht. Berzan sehnt sich nach seinem Heimatdorf zurück, wo er glaubt, dass seine Verlobte auf ihn warten würde, während Mehmet sich in Istanbul in die feinfühlige Arzu verliebt hat. Sie war in Deutschland aufgewachsen. Inzwischen ist Arzu in ihre alte Heimat zurückgekehrt und muss hier erleben, wie rasch einer in den Verdacht kommen kann, der politischen Opposition anzugehören. Die Regisseurin erzählt ihren hochgradig politischen Stoff auf packende Weise. Atmosphärisch dicht und stimmungsbewusst schildert sie Freundschaft und Liebe, feinfühlig charakterisiert sie ihre Figuren und eindrücklich gestaltet sie die Reise in den äussersten Osten ihrer Heimat, in bei uns kaum bekannte Regionen. Mit Geschick versteht Yeșim Ustaoğlu es dabei, politische Ereignisse in die erfundene Handlung einzuflechten und ein subtiles, vielschichtiges Drama von einer Sprengkraft zu gestalten, die an Herz wie Geist rührt. Walter Ruggle
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Sibel (2018)
Guillaume Giovanetti, Çagla Zencirci
Türkei
95′
Sibel ist 25 Jahre jung und lebt mit Vater und Schwester in einem abgelegenen Bergdorf am Schwarzen Meer. Sie ist stumm, kann aber dank einer in der Region verbreiteten Pfeifsprache kommunizieren. Sibel treibt sich in den Wäldern herum und sucht einen Wolf, der Fantasien und Ängste der Frauen im Dorf beflügelt. Bei einem ihrer Streifzüge trifft sie auf einen Fremden, um den sie sich kümmert. Zum ersten Mal nimmt jemand sie ernst. Selbstfindung einer jungen Frau Gepfiffen wird in diesem Film immer wieder. Das ist kein Spleen des Filmpaars Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci, weil es der stummen Hauptfigur so eine Kommunikationsmöglichkeit geben wollte: Nein, sie haben ihre Geschichte in der Region um Kusköy am Schwarzen Meer angesiedelt, wo die Menschen eine althergebrachte Pfeifsprache beherrschen. Die exotisch anmutende Vogelsprache gehört zur Zeichnung der Hauptfigur. Diese heisst Sibel, und ihre Schönheit ist vorerst eine raue, wilde, äussere, denn der Film beschreibt so etwas wie den Weg einer Menschwerdung. Sibel, ein «Enfant sauvage», lernt ihre Schönheit zu begreifen: Es ist die Geschichte einer Selbstwerdung. Die atemlos wirkende Sibel wird verkörpert von Damla Sönmez, die den Film wie ein Stummfilmstar prägt. Ihre Stummheit hat sie im Dorf in die Aussenseiterinnenrolle gezwungen, sie ist gern allein, bricht auf in den Wald, wo sie sich ein kleines Refugium eingerichtet hat. Die Aufnahmen aus den Hängen der atmenden Bäume sind überwältigend, die Landschaft verschlingt die Menschen, der immense Wald ist Rückzugsort, Fluchtpunkt, Märchenwald und Hort der Ängste. Wenn Sibel rastlos zwischen den Bäumen umherrennt, schlägt ihr Puls hoch und unserer mit ihrem. Alles spitzt sich zu, als die wilde junge Frau im Wald auf einen Fremden stösst, der sich versteckt. Endlich erfährt sie, wie ihr jemand auch ohne Vorurteile begegnen kann. Das Filmerpaar beschreibt eine Annäherung, die aus radikaler Abwehr heraus geschieht und letztlich in ihrer Wildheit zärtlicher wirkt als das, was das Kino uns traditionell bietet. Sibel ist eine junge Frau, die sich selber finden und erfahren muss, um in der Gemeinschaft künftig Bestand zu haben.
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Zwischen uns das Paradies (Na putu) (2010)
Jasmila Zbanic
Bosnien und Herzegowina
100′
Luna und Amar sind ein verliebtes Paar. Sie haben begehrte Jobs und geniessen das Leben im pulsierenden Alltag von Sarajevo. Sie ist als Flight Attendant viel in der Luft, und er verliert manchmal an Boden, wenn er ein Glas zu viel hebt. Als man ihn im Tower mit Schnaps im Kaffee erwischt, wird Amar suspendiert. Beim Ausflug zum Riverrafting trifft er auf einen alten Bekannten, findet durch ihn eine Anstellung in einer ultrakonservativen religiösen Gruppierung und beginnt sich zu verändern. Die lebensfrohe Luna versteht ihn immer weniger. Sie muss sich entscheiden, wie viel an eigenen Werten sie für die Liebe aufgeben will. Und sie fragt sich: Wie viel Religion erträgt der Mensch? Jasmila Žbanić (Grbavica) hat einen ebenso einfühlsamen wie hochgradig aktuellen Liebesfilm gestaltet. * * * * * * Was, wenn der Liebste entschwindet? Jasmila Žbanić hat mit ihrem ersten Spielfilm Grbavica international Aufsehen erregt und den Goldenen Bären in Berlin gewonnen. Sie erzählte darin die Geschichte einer Tochter in Sarajevo, die glaubt, das Kind eines Kriegshelden zu sein und erfahren muss, dass sie das Kind einer Vergewaltigung im Krieg ist. Was an Žbanićs Film so nachhaltig berührte und überzeugte: Die Filmemacherin schaffte es, ohne Rückblende, aus der erzählten Gegenwart heraus die Vergangenheit sichtbar zu machen, die Wunden, die diese Vergangenheit in den Menschen hinterlassen hat. Wie ist es möglich, nach einem Bruderkrieg zurückzufinden in das, was man ein normales Leben nennen mag, in einen Alltag ohne Waffen und ohne äussere Bedrohung? Wie ein ganz gewöhnliches Leben führen und - zum Beispiel - eine Liebe erfahren, wie das Luna und Amar in Žbanićs neuem Spielfilm Zwischen uns das Paradies (Na putu) tun? Die engagierte Filmemacherin gibt keine direkten Antworten auf diese Fragen, aber sie führt uns auch in der neuen Erzählung vor Augen, dass die Vergangenheit nicht etwas ist, was man im Kehrichtsack auf die Strasse runterstellen kann - und weg ist sie. Ihr Fokus liegt auf Luna, der weiblichen Figur, aber wenn sie in Luna hineinschaut und in das, was die junge, attraktive und lebensfrohe Frau erlebt hat, dann denkt sie die Geschichte von Amar mit. Die beiden lieben einander und könnten zusammen ein zufriedenes Leben verbringen. Der unerfüllte Kinderwunsch unterstreicht ihre Verbindung, und gemeinsam schaffen sie es auch, mit dem Erfahrenen von damals zu leben. Vielleicht trügt der Schein, denn als Amar seine angestammte Stelle verliert, wird er aus dem Rhythmus geworfen. Er trägt die Last der Kriegsvergangenheit mit sich, weiss nicht, ob er je Kinder zeugen kann und steht ohne Arbeit da. Der Ruf des religiösen Freundes erreicht ihn in einem Moment der Schwäche. Jasmila Žbanić konzentriert sich aber weniger auf sein Abgleiten aus der gemeinsamen Liebeswelt als vielmehr auf das Erleben von Luna, seiner Partnerin. Wie weit kann sich der Geliebte entfernen, bis die Distanz zu gross wird? Na putu ist eine Liebesgeschichte, aber der Film erzählt auch von einer Entfremdung. Walter Ruggle
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